Tipp: Antoni Tàpies. Bild, Körper, Pathos im Museum für Gegenwartskunst Siegen


Antoni Tàpies noch 14.01. in der Galerie Nero in Wiesbaden, courtesy Galerie Lelong, Paris

Antoni Tàpies noch 14.01. in der Galerie Nero in Wiesbaden, courtesy Galerie Lelong, Paris

Aus der Pressemeldung des Museum für Gegenwartskunst Siegen:

Wie ein Forscher im Labor nehme ich als erster die Anregungen wahr, die der Materie entrissen werden können. Ich entlocke ihr Ausdrucksmöglichkeiten, auch wenn ich anfangs keine ganz klare Vorstellung habe, worauf ich mich einlasse. Während der Arbeit formuliere ich gleichsam meine Gedanken; aus dem Kampf zwischen Wollen und vorhandenem Material entsteht ein Gleichgewicht von Spannungen.“
(Antoni Tàpies)

Das Museum für Gegenwartskunst Siegen widmet dem Katalanen Antoni Tàpies mit der Ausstellung „Bild, Körper, Pathos“ eine retrospektive Schau auf ein beeindruckendes künstlerisches Lebenswerk. Zu sehen sind 47 Gemälde aus über sieben Jahrzehnten, viele davon werden das erste Mal überhaupt in Deutschland präsentiert.

Antoni Tàpies wurde 1923 in Barcelona geboren. Neben Dalí, Miró, Chillida und Picasso, ist er die große Künstlerpersönlichkeit Spaniens. Er beeinflusste die europäische Malerei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts maßgeblich. Tàpies erhielt zu Recht schon 1972 den 4. Rubenspreis der Stadt Siegen. Die Ausstellung „Bild, Körper, Pathos“ erlaubt einen aktuellen Blick auf das überwältigende Lebenswerk des Künstlers. In Siegen sind seine Arbeiten seit den 1940er Jahren – darunter 10 Werke aus der Sammlung Lambrecht-Schadeberg – sowie das in Deutschland kaum bekannte Spätwerk zu sehen.

Ist das Frühwerk noch von Selbstbildnissen geprägt, entwickelt Tàpies in den 1950er Jahren eine Bildauffassung, die eine ganz neue Bildkörperlichkeit vorstellt. Es entstehen Bilder aus Sand, Lehm, Marmorstaub und Leim, die wie undurchdringliche Mauern wirken. Seine schrundigen, mit Material angereicherten Bildgründe wirken fast physisch auf den Betrachter ein. Gleichzeitig bricht Tàpies diese mauerähnliche Oberfläche aber wieder auf, indem er Kerben oder kryptische Zeichen einritzt, Abdrücke einstanzt oder collagenartig andere Gegenstände einfügt. Er experimentiert außerdem mit Lacken und Firnissen.

Schaut man genau, so werden die der Oberfläche eingeschriebenen Zeichen zu Buchstaben oder Kreuzen und leuchten auf einmal bedeutsam auf. Ein fahler Umriss aus Firnis oder ein aufgeworfener Grat verwandeln sich plötzlich in einen Körper.

Immer wieder scheinen Darstellungen des menschlichen Körpers in den Materialbildern auf, sei es in Abdrücken, zeichenhaften Andeutungen, reliefhafter Plastizität oder der Integration von alltäglichen Gegenständen. Stuhl, Bett, Tür oder Kleidung verweisen als bildliche Darstellung oder als reale Gegenstände auf die einfachsten menschlichen Bedürfnisse und eröffnen dem Betrachter vielfältige Assoziationsmöglichkeiten. Man findet sich plötzlich auf sich selbst zurückgeworfen und befragt seine eigenen existentiellen Grundbedürfnisse. Der Betrachter ist aktiv an der Bildkonstitution beteiligt. Tàpies entwickelt eine eindrucksvolle Ikonografie, die ebenso persönlich wie universell motiviert ist.

Die jüngeren Bilder aus dem Spätwerk, die karg und fast farblos erscheinen, entfalten in ihrer Reduktion ebenfalls eine faszinierende Wirkung. Sie treten dem Rezipienten mit einer Intensität gegenüber, die einer magischen Anziehungskraft gleicht. Nach den materialüberbordenden Bildern der 60er Jahre, bleiben die Leinwände der 90er Jahre geradezu leer. Tàpies ließ sich stark durch fernöstliche Philosophie inspirieren, so erinnern die farblosen Leinwände vor allem an Kontemplation und Meditation. Gerade die quadratischen Formate des Spätwerks strahlen eine ganzheitliche Harmonie aus.

Tàpies‘ Bilder entstehen im Zwiegespräch mit dem Bildkörper und den Materialien, mitunter betont er explizit den Bildträger, indem er die Leinwand durchstößt. Das Hervorbringen eines Bildes ist prinzipiell ein Vorgang mit offenem Ausgang. Die künstlerische Arbeit von Tàpies gleicht einem Philosophieren über Polaritäten: von Geist und Materie, von Form und Formlosigkeit, von Realität und Imagination. Der Körper, die körperliche Erfahrung, die Selbsterforschung sind dabei die äußersten Bezugspunkte einer unaufhörlichen Suche nach Bildern. Wenn diese Bilder einmal geschaffen sind, entwickeln sie ein Eigenleben, entfalten sie eine magische Kraft und fordern die Partizipation des Betrachters.

„Mit meinem Werk versuche ich, dem Menschen zu helfen, den Zustand der Selbstentfremdung zu überwinden, indem ich sein tägliches Leben mit Gegenständen umgebe, die ihn auf eine ′berührbare′ Art mit den letzten und tiefsten Problemen unserer Existenz konfrontieren. Die Mittel, derer ich mich zur notwendigen Anregung bediene, sollen so direkt wie möglich sein. Statt eine Predigt über die Demut zu halten, ziehe ich es oft vor, die Demut selber darzustellen.“
(Antoni Tàpies)

Die Ausstellung „Antoni Tàpies. Bild, Körper, Pathos“ ist in enger Zusammenarbeit mit dem Künstler und der Fundació Antoni Tàpies in Barcelona entstanden und geht anschließend ins Art Museum Reykjavík. Für Island ist es die erste Gelegenheit das Werk Tàpies in diesem Umfang zu sehen.

Ein umfangreicher Katalog erscheint im Snoeck Verlag Köln und enthält Abbildungen aller ausgestellten Werke sowie Texte von Svein Aamold, Barbara Egger, Núria Homs, Enrique Juncosa, Melitta Kliege, Mireya Lewin, Laurence Rassel, Valentin Roma, Eva Schmidt, Verena Tintelnot, Oliver Tschirky, Eulália Valldosera. Preis: 24,80 Euro, für Mitglieder des Freundeskreises 20 Euro.

Judith Frey, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit / Kunstvermittlung
Museum für Gegenwartskunst Siegen
Unteres Schloss 1
57072 Siegen

www.museumfuergegenwartskunstsiegen.de
info@mgk-siegen.de
Tel: 0271-405 77 13
Fax: 0271-405 77 32

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